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Querdenken – aber nicht quer gemacht!

meine Sichtweise auf die IBM BusinessConnect

In den vergangenen Tagen und Wochen war ich auf verschiedenen Enterprise 2.0 bzw. Social Business Veranstaltungen, unter anderem auf der IBM BusinessConnect in Mannheim. Auf dieser Konferenz, auf die ich hier näher eingehen werde, wie auch auf den anderen Konferenzen ging es letztendlich um die Einführung von Social Network Plattformen in Unternehmen. Je nach Herangehensweise oder Ausgangslage sind die Voraussetzungen für die erfolgreiche Einführung entweder, dass das Unternehmen sich ändert, um die Social Business Plattformen nutzen zu können, oder das Unternehmen wird sich durch die Einführung verändern. Auf jeden Fall wird sich etwas ändern. Das liest und hört man bei jedem Referenten auch spätestens ab der dritten Folie.

Erstaunlicherweise hat sich aber bisher nichts an den Formaten bei den thematisch entsprechenden Konferenzen verändert. Die IBM Veranstaltung und die anderen Konferenzen sind immer noch so was von „1.0“, dass es für mich immer unerträglicher wird, daran teilzunehmen. Dabei gibt es mittlerweile wunderbare Alternativen und Ergänzungen zu den klassischen Frontalkonferenzen. An erster Stelle steht hier natürlich das Barcamp-Format.

Barcamps sind sicherlich nicht die Lösung für alle Themen und Anliegen. Aber für die klassischen Konferenzanbieter wäre es sicherlich sinnvoll mal darüber nachzudenken, sich diesem Format anzunähern, davon abzukupfern oder diese zu adaptieren. Dass das Format Barcamp nicht nur etwas für junge hipe Weltveränderer ist, zeigt das „colearncamp“ des Arbeitgeberverbandes hessenmetal (diesen Verband würde man nicht unbedingt als „Hipster“ oder „Cool“ bezeichnen). Das Durchschnittsalter der Besucher liegt vermutlich bei +/- 35-40 Jahren und die meisten haben ihre Berufung in den bodenständigen Bereichen Personalentwicklung, Weiterbildung und Beratung gefunden. Trotzdem die Voraussetzungen eher für ein gesetztes, vielleicht auch eher konservatives und in seinem Verhalten eingefahrenes Publikum sprechen, ist das „colearncamp“ ein wundervoller, kreativer, interaktiver, inspirierender und positiver Ort. Jeder der Teilgeber (nicht Teilnehmer!!!) geht von dort mit neuen Ideen, wichtigen und relevanten Kontakten (auch geschäftlichen) und vielen wichtigen Informationen motiviert nach Hause.

Das kann ich leider von der IBM BusinessConnect und den anderen Konferenzen nicht behaupten: Vollgestopft mit aneinandergereihten Vorträgen, keine Interaktion und schon gar keine aktive Teilnahme, starres sitzen in unendlichen langen Konferenzstuhlreihen, teilweise schlechte und lustlos zusammenkopierte Präsentationen, dazu einige Themenverfehlungen in Bezug auf die gedruckten Ankündigungen usw. Nach einigen Präsentationen gab es auf den Fluren Gemecker und Kopfschütteln.

Daher meine Bitten an die verschiedenen Akteure dieser Konferenzen:

Liebe Social Business-Kongress Veranstalter und hier im speziellen liebe IBM,
ihr habt so tolle Themen und ihr habt auch eine grobe Vorstellung von dem, was ihr bei euren Teilnehmern bzw. Kunden erreichen wollt: Unternehmen entwickelt euch weiter, verändert euch und macht euch fit für unsere Produkte. Das sagt ihr so direkt nicht, aber es liegt in der Natur der Sache, dass ihr am Ende des Tages Lizenzen, Services oder irgendetwas anderes verkaufen wollt. Ist ja nichts Schlimmes und Verbotenes. Leider lebt ihr diesen Wandel, den ihr von euren Kunden einfordert, bei den Konferenzen überhaupt nicht vor. Dabei gab es schon tolle Ansätze, wie z.B. die IBM JamCamp Bus Tour vor zwei bzw. drei Jahren. Das wurde leider nicht wiederholt. Und bereits bei der zweiten Bustour war der Abschluss kein Barcamp mehr sondern wieder eine Konferenz barocker Art für die schlipstragenden Zahlenmenschen.

Liebe Hersteller,
nicht alle, aber doch einige von euch haben tolle Produkte. Ihr preist sie an, dass sie so einfach und modern sind und es nichts Vergleichbares gibt und vieles mehr. Und was zeigt ihr uns? Uns, damit meine ich diejenigen, die sich 45 Minuten Zeit nehmen und sich informieren wollen, die vielleicht auch begeistert werden wollen. Ihr zeigt uns langweilige und statische Folien, die meist nicht mehr bieten wie eure gedruckten Werbeprospekte. Wenn wir, die wir Zuhören, noch Glück haben, dann ist der Redner unterhaltsam – wenn nicht, dann gute Nacht Marie. Für diese Situationen gibt es – Mr. Jobs sei Dank – Tabletts und Smartphones.

Michael Ende nannte diese Gattung Menschen in seinem Buch Momo „Zeitdiebe“.

Liebe Konferenzort-Anbieter,
von euch würde ich mir auch gerne eine Raum-technische Weiterentwicklung wünschen. Der große Saal ist der große Saal und dort geht es um den großen Auftritt. Daher sind hier viele Stuhlreihen und große Leinwände für die Bühnenshow genau richtig. Aber doch nicht in allen Räumen. Diese sind alle ausnahmslos kahl, grau, lieblos und vollgestopft mit Stühlen und Technik. Die Stühle stehen in langen Reihen so, dass man von der Seite aus noch nicht einmal richtig auf die Bühne sehen kann ohne sich zu verbiegen. Ein meist nicht aufkommendes Frage- und Antwortspiel zwischen den Referenten und den Zuhörern verebbt, da man die Fragenden weder richtig sieht noch versteht.

Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer,
von Euch bin ich fast am meisten enttäuscht. Warum? Ihr, die ihr auf eine Konferenz zum Thema Social Business geht, seid doch diejenigen, die das Thema „Social“, Interaktion, Partizipation, Veränderung usw. in die Unternehmen bringen sollt. Und dann lasst ihr euch solche Formate gefallen? Oder ist das auch das Format, mit dem ihr euer Unternehmen „social“ machen wollt?
Versucht mal auf diese Weise das Fahrradfahren zu vermitteln (in Anlehnung an das Zitat von Harald Schirmer): Einer steht auf der Bühne und zeigt auf statischen, Text-lastigen Folien wie man mit dem Fahrrad dieses Herstellers fahren könnte. Danach sollt ihr euch dann für das Produkt entscheiden.

Zum Schluss
Nein, es war, auch wenn es hier vielleicht so rüberkommt, nicht alles war schlecht auf der IBM BusinessConnect (dies gilt auch für anderen von mir besuchten Konferenzen): Einige Vorträge waren super, darunter sogar echte Highlights, die Organisation lief reibungslos, die Mischung der verschiedenen Brands zu einer Konferenz war bereichernd, die Abendveranstaltung war super und ja, zwischen den Vorträgen gab es tolle Gespräche.

Aber mir ist das mittlerweile einfach zu wenig quergedacht.

7 comments for “Querdenken – aber nicht quer gemacht!

  1. 18. Oktober 2013 at 07:00

    Joachim,
    Danke für die kritische Stimme. Ich hatte mich ja entschieden, eher auf die positiven Aspekte der Veranstaltung zu schauen. Es ist glaube ich nicht so einfach, es allen Recht zu machen. Nicht zu innovativ sein, dennoch mag ja auch nicht jeder.
    Die guten Vorträge waren für mich auch stimmig in der alten Form. nicht immer muss es zwangsläufig interaktiv sein. produktpräsentTionen dagegen kann man sich so eher schenken.

    Vielleicht ist es wichtig, vorab klar zu machen, was man als Veranstalter vor hat. Und hier stand halt die Sender Empfänger Mascheo im Vordergrund.

    Alternativ bräuchte man halt ne Messehalle. Und ein, zwei, viele Joachims, um was Neues zu wagen.

  2. Olaf Pohl
    18. Oktober 2013 at 15:21

    Sehr geehrter Herr Haydecker,

    tolles Feedback zu der Veranstaltung, die ich in etwa genauso bewerten würde.

    Aber, wer sagt Ihnen denn, dass „wir“ uns das gefallen lassen? Seien Sie sicher, dass es bestimmt diverse Teilnehmer gibt die Ihren Ansprechpartnern bei der IBM das schon mitteilen werden – nur vielleicht nicht so öffentlich, wie Sie das tun – nicht jeder schreibt ja einen eigenen Blog ….

    Freundliche Grüße

    Olaf Pohl

  3. 25. Oktober 2013 at 20:34

    Hallo Herr Haydecker,

    vielen Dank für den kritischen aber sehr konstruktiven Beitrag.

    Sie können sich sicher sein, dass wir intensiv darüber nachdenken wie wir unsere Veranstaltungen stetig weiterentwickeln und verbessern können.
    Das colearncamp schaue ich mir auf jeden Fall genauer an.

    Insgesamt war das Teilnehmer-Feedback zur BusinessConnect sehr gut. Insbesondere
    das Ausweiten der Veranstaltung auf mehrere Themen, die Breite der Veranstaltung, die vielen Kundenvorträge (ca 50%) sowie die Highlights bei den Keynotes kamen sehr gut an.

    Eines unserer Hauptziele ist das Erreichen neuer Zielgruppen. Dafür brauchen wir neue Formate, da stimme ich absolut zu. Jedoch gibt es kein One-size-fits-all da unsere Besucher sehr heterogen sind: verschiedenste Fachbereiche (60%), IT-ler, Anwender, Consultants,C-Level, langjährige Kunden, Neulinge, Konzerne, Mittelstand…
    Ziel ist, für alle etwas zu bieten und daher müssen wir neue Formate mit „klassischen“ Formaten kombinieren.
    Sie können also gespannt auf nächstes Jahr sein.

    Viele Grüße,
    Steffen Ramsaier
    Manager Marketing, IBM Software Solutions Group, DACH

  4. scqadmin
    25. Oktober 2013 at 21:04

    Hallo und Guten Abend,

    Das es sehr schwer ist, den unterschiedlichen Ansprüchen gerecht zu werden, weiß ich und stimme ihnen zu. Man wird nicht alle glücklich machen können.

    Bin auf das kommende Jahr sehr gespannt. Hoffe sehr darauf, dass die Teilnehmer mehr zu Teilgebern werden können – auch wenn es für viele etwas ganz Neues ist. Auf meinem Workshop im Rahmen der GetBlue Reihe war das ein wichtiger Teil, die TN dort mit ihren Fragen, Antworten und Erfahrungen abzuholen. Der größte Wunsch der TN für den nächsten Workshop war, dass BarCamp Format noch mehr auszubauen. Im Workshop hatte ich eine Art Schnupper-BarCamp mit eingebaut.

    Freue mich auf die Veranstaltung und werde auf jeden Fall wieder mit dabei sein.

    Gruß und gute Nacht

    Joachim

  5. 27. November 2013 at 11:44

    Wir in der SharePointCommunity haben mit dem BarCamp-Konzept großen Erfolg. Seit 2010 veranstalten wir jedes Jahr das ShareCamp (http://sharecamp.de). Zu den 4 Veranstaltungen kamen im Schnitt rund 200 Teilnehmer und es wurden 50-60 Sessions präsentiert. Viele davon von neuen Gesichtern, also Sprechern, die man nicht schon auf diversen anderen Veranstaltungen gesehen hat, die über Themen sprachen, die auf anderen Konferenzen durch den Call For Papers gefallen wären, die aber spannend, interessant und sehr praxisnah waren. Auch Kommunikation und Interaktion fanden auf einem anderen Level statt und die entspannte Atmosphäre und das Engagement der Teilnehmer wurde von vielen als eine der besonderen Eigenschaften des ShareCamps genannt.

    Das ShareCamp wird zwar von der Community organisiert, aber wäre natürlich ohne Partner und Sponsoren nicht möglich. Wir konnten Microsoft von der Idee eines BarCamps für so ein eher untypisches Barcamp-Thema wie SharePoint überzeugen und fanden dort von Anfang an volle Unterstützung. Das zeigt sich insbesondere darin, dass wir jedes Mal die Microsoft-Zentrale in Unterschleißheim mit ihrer gesamten Logistik als Veranstaltungsort nutzen konnten. Und auch unsere anderen Sponsoren sind von der Veranstaltung sehr angetan und z.T. bei jedem ShareCamp mit dabei gewesen.

    Mut zu neuen Ideen – das kann funktionieren, braucht aber einfach auch die richtigen Leute, die über den Tellerrand hinausschauen, auch mal Neues wagen und vor allem auch erfolgreiche Ideen in nachhaltige Prozesse überführen.

    Besten Gruß
    Michael Greth

  6. scqadmin
    28. November 2013 at 10:11

    Hallo Michael,

    Das hört sich gut an. „Social“ vermitteln geht nicht mit den bisherigen Formaten. Das sehe ich genau so.

    Aber es besteht bei den Machern die große Angst, dass durch das neue Format viele Teilnehmer – sprich Kunden – wegbleiben. Ich glaube, dass man immer mehr Interessierte verliert, wenn man bei den alten Formaten hängen bleibt.

    Es wird immer wieder bei dem Thema Social von der Innen- und der Außenkommunikation gesprochen. Nur wenn diese in Einklang ist, funktioniert „Social“. Ich finde es viel wichtiger, dass das virtuelle und das reale Miteinander anders wird.

    Gruß

    Joachim

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